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GÖTTERKLATSCH UND HÖCHST IRDISCHES

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Götterklatsch und höchst Irdisches

Eike Mewes erzählt (un)moralische Geschichten

Einer trage des anderen List« – eine Anspielung auf den bekannten, ähnlich lautenden Bibelspruch und Filmtitel – soll, so der Autor, kein wissenschaftliches Werk sein und auch keine korrekte Auslegung antiker Mythen beinhalten. Ihre Nacherzählungen seien freie Interpretationen – mit Absichtserklärungen. Eben das macht den Reiz dieses Büchleins aus.
Schon in der Einführung über die Moral und andere Todsünden (welch provozierende Gleichsetzung) kommt der Autor, vom antiken Impuls geleitet, auf Gegenwärtiges zu sprechen. Der Mensch ist ihm in höchstem Maße verführbar und in seiner Mehrzahl ohne sonderliche Mühe fremd zu bestimmen. Manipuliert und gruppenorientiert, empfinde dieser seine Handlungsweise unterschiedslos als richtig und moralisch. »Deshalb«, meint Mewes, »sehen sich Theologen und Gläubige immer in Übereinstimmung mit der Morallehre. Deshalb haben Rassisten nie ein schlechtes Gewissen. Deshalb beginnt im Grunde genommen jeder Krieg mit einer Lüge, die nicht als solche erkannt werden soll«.
Bezweifelt wird die These, weil nicht zu beweisen, dass der Mensch von Natur aus religiös und gottgläubig, folglich moralisch gut sei. Mehr noch, der Glaube, Gott habe den Menschen »nach seinem Bilde« geschaffen, bedeute die Verneinung göttlicher Existenz. Aktuell sind auch die Gedanken zur Sexualität, insbesondere die schockierende und gewiss umstrittene Auffassung, dass sexueller Missbrauch zum Alltag gehöre. Mewes konkretisiert: »Am häufigsten tritt er auf, wenn Sexualität tabuisiert wird. Katholische Priester sind wegen des Zölibats extrem anfällig, muslimische Männer reizt gerade die Entschleierung, die angebliche Unkeuschheit der Frau. Enthaltsamkeit macht geil.« Unverständlich bleibe, »warum ein sexuell enthaltsamer Mensch Gott näher stehen soll als ein anderer«. Ebenso sei nicht vorstellbar, »dass ein Gott, der den Menschen mit Sexualität ausstattet, sie nachträglich für sündhaft erklärt«. Eike Mewes hält eine streng katholische oder islamische Erziehung langfristig für eine nachhaltigere Schädigung der Psyche des Menschen als jede triebhafte Sexualität jemals anrichten könnte.
Mag man des Autors rigorosen Kritik jedweden religiösen Fundamentalismus' und auch christlicher Bigotterie großenteils zustimmen, so fordert andererseits seine Umkehrung der berühmten Marxschen These, es gelte die Welt zu erklären, nicht zu verändern, zum Widerspruch heraus. Niemand wird den Nutzen von Aufklärung bestreiten, aber letztlich kommt es – auch mit ihrer Hilfe – auf die gesellschaftlichen Veränderungen an, die sich, wie Marx sie fordert und Mewes es will – durchaus friedlich vollziehen können, Gewalt jedoch nicht vollends ausschließen.
Nach der Einführung setzt ein wahres Feuerwerk von Wissen, Witz, geistreichen Sentenzen, von Humor, Gelehrsamkeit, moralisierender Ironie, von Götterklatsch und Gegenwartsbezügen ein. Wie war das mit Atlas und Herakles, der sich anbot, kurzzeitig die Himmelslast zu tragen, damit der andere für ihn die Äpfel der Hesperiden stehle? Nur kurz wähnte der Traum, von der schweren Bürde endlich frei zu sein. Herakles griff zu einer List, und Atlas trug wieder das Himmelsgewölbe. Ein schönes Gleichnis dafür, dass jeder sein eigenes Bündel bis zum Schluss zu schleppen hat und keiner es ihm abnimmt, es sei denn für eine knappe Frist, entgegen aller biblischen Moral. Und dann werden sie alle vorgeführt, immer mit einem sehr irdischem Thema verknüpft: Dionysos/Bacchus mit der Eifersucht, die Chariten/Grazien mit Neid, Demeter/Ceres mit der Fruchtbarkeit, Eros/Amor mit der Liebe, Tyche/Fortuna mit dem Glück. Eine unterhaltsame, genussvolle und erkenntnisreiches Lektüre.
Arnim Jaehne

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