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Geschichten vom Sinn unserer Wörter

ELFRIEDE STEYER schrieb . . .

Geschichten vom Sinn unserer Wörter

Eike Mewes Gedanken zur Sprache

WÜNSDORF - „Auf ein Wort” hatte der Förderverein der Freunde der Bücherstadt zum Sonntag eingeladen. „Auf ein Wort” hieß dann auch das neue Buch des hier gern gesehenen Theatermannes Eike Mewes . Die Anzahl an Buchveröffentlichungen, in denen Autoren sich aus Sorge um die Inflation unserer Muttersprache mit dieser beschäftigen, mehrt sich. Ob es um die Verwechslung des Dativs mit dem Genitiv geht oder Anglizismen, wo sie absolut nicht hingehören, es ist so lesbar wie heiter und lehrreich dazu.
Da reiht sich Eike Mewes noch wieder ein. Er hat sich der Verarmung im Umgang mit unserer Sprache angenommen. Ist es das Tempo unserer Zeit oder zunehmende Gedankenlosigkeit? Die vielen Möglichkeiten im Anwenden von Worten bleiben ungenutzt. Also hat er sich durch das ABC hindurch Wörter vorgenommen, ist ihrem Ursprung und ihrem Gebrauch nachgegangen. Davon las er in wohltuend gepflegter Sprache.
Und er jonglierte geradezu mit Worten. Beispielsweise beginnend mit dem A das Kapitel anständig. Was alles ist anständig? Er erzählt darin, wie sein Vater ihm beizubringen versucht hat, was anständig sei. Sich gut benehmen, aussehen, kleiden, richtig bezahlt werden.
Das Wort kommt aus dem Mittelhochdeutschen. Es geht auf „anstehen” zurück. Aber Mewes geht in seinem Buch über den Wortsinn hinaus. Er betrachtet es moralisch, auch politisch. Seine Beispiele beeindrucken, wenn der Jäger auf dem Anstand sitzt, um das Reh anständig zu erlegen oder im Krieg ein Soldat im Anstand liegt, um seinen Gegner anständig zu erschießen.
Das ging weiter mit „Handeln”. Der Mensch sei nur handelnd vorstellbar. Das Wort Hand steckt darin. Leute können sich bei den Händen fassen. Sie werden gelegentlich Hand anlegen. Oder „es wurde unter der Hand gehandelt bis es Händel gab”.
In einem nächsten Kapitel setzte er „modern” dem Begriff „modisch” gegenüber. Sehr ergiebig zeigte sich auch das „Recht”. Mewes nannte es eines der ältesten Wörter. Ihm solle das Germanische recken, zu Grunde liegen. Es ist weit mehr als ein juristischer Begriff. Da will man recht haben oder ist recht ordentlich gekleidet. Jemand hat recht Recht daran getan und sagt es aufrichtig.
Die interessiert folgende, leider wohl Winterwetter bedingte kleine Zuhörergruppe durfte Wünsche äußern. Eine junge Frau schlug „Eigentümlich” vor. Auch dieses Wort förderte ganz eigene Auslegungen zu Tage.
Zu jedem Kapitel zeigte Mewes die Originale gut gelungener Illustrationen zum Buch von Claudia Padua. Illustrierte Bücher sind aus Kostengründen selten geworden. Man müsse sich schon etwas Originelles einfallen lassen, erzählte er, wenn man auf dem Buchmarkt Aufmerksamkeit erregen möchte. Bei jährlich 90 000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt mit etwa der Hälfte davon an Belletristik, ist das für einen neuen Autoren nicht zuletzt eine Existenzfrage.
Das traf dann auch für sein druckfrisches Buch zu, „Der Tag ist nur der weiße Schatten der Nacht”. Daraus gab er dann noch eine Leseprobe. Ein ungewöhnliches Genre. Denn die drei größeren Geschichten darin fordern in ihrer Lesart die Phantasie der Leser, weil sie in der Verknappung des Textes Erfahrungen oder Gesehenes in Erinnerung bringen, ihre Vorstellungskraft einbringen müssen.
Das stieß in der Diskussion danach auf konträre Meinungen von strikter Ablehnung bis Zustimmung. Ansonsten war das nahezu intime Gespräch zwischen Autor und Publikum recht ergiebig. Das reichte von der Frage, was der Unterschied zwischen Worten und Wörtern sei bis zu dem Austausch über den „Sprachkünstler” Martin Luther.
Übrigens: Nicht wegen dem, sondern wegen des so gedankentiefen wie unterhaltsamen Inhalts seien Eike Mewes Bücher empfohlen.
FOTO: KLAUS SCHLAGE

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